In welchem Kontext arbeitet ihr als Kunstvermittler:innen – und wie kamt ihr dazu?
Wir sind Fellows in der Kunstvermittlung am Kunstmuseum Wolfsburg, gefördert durch die Volkswagen Group Culture. Hier haben wir das Programm transformativ softe räume entwickelt und als längerfristigen Lern-, Reflexions- und Erfahrungsraum angelegt.
Wir arbeiten an der Schnittstelle von Kunst, Transformation Design, Zukunfts- und Organisationsforschung – also an der Gestaltung von gesellschaftlichem Wandel. Das machen wir sowohl innerhalb institutioneller Strukturen als auch in selbstorganisierten und kollektiven Kontexten. Daniele bringt Erfahrungen aus eigener künstlerischer Praxis und dem institut für zukünfte ein, das er mitbegründet hat. Luisa ergänzt mit Leadership- und Organisationsentwicklung – gemeinsam versuchen wir durch unterschiedliche Strategien und Interventionen das Zusammenspiel von Micro- bis Meta-Ebenen in Transformationsprozessen zu aktivieren.
Mit der Kunstvermittlung verbinden uns Fragen wie: Wie entstehen Veränderungsprozesse? Wie können sich Personen als wirksam erleben? Dabei interessiert uns nicht nur, wie Kunst vermittelt wird, sondern was durch Kunst erfahrbar werden kann. Kunst ist für uns ein Anlass, komplexe Zusammenhänge nicht nur kognitiv, sondern auch sinnlich, relational und verkörpert zu erkunden. Viele Ausstellungen im Kunstmuseum Wolfsburg öffnen Perspektiven auf ökologische, soziale oder gesellschaftspolitische Themen und bieten einen Moment des Infragestellens und einen Möglichkeitsraum – uns interessiert, wie diese nicht nur bei einer Bedeutungskonstruktion und einem kurzen Hinschauen bleiben, sondern zu gelebtem und verkörperten Wandel führen können.
Mit wem arbeitet ihr zusammen?
Wir arbeiten miteinander als soft systems collective, zu dem auch Julia Hein gehört. Unser Ansatz ist ein relationales, sich stets veränderndes Gefüge zu sein, doch unsere Praxis ist tief in die Strukturen des Museums eingebettet: Wir arbeiten eng mit dem Kunstvermittlungsteam zusammen, insbesondere mit Sarah Groiß. Zentral sind auch die Teilnehmenden unseres Programms – mittlerweile nennen sie sich „die softies“ 🙂 Mit ihnen und dem Kunstvermittlungsteam haben wir über ein Jahr hinweg nicht nur transformative Inhalte durchgearbeitet, sondern gemeinsam geforscht: Wie passiert Veränderung tatsächlich? Was wirkt konkret – in uns, durch uns, um uns – und was bleibt abstrakt? Was ist die eigene Rolle darin, bestehende Muster zu stabilisieren, zu hinterfragen und vielleicht sogar durch Interventionen zu verändern? Für den Zeitraum von transformativ softe räume sind sie alle Teil unseres soft systems collective.
Wir möchten auch den oft weniger sichtbaren Rollen im Museum danken – vom Sicherheitsteam, das uns Zugang zu Räumen ermöglicht, bis zum Einlasspersonal, das uns in der Auseinandersetzung mit Ausstellungen unterstützt. Sie prägen maßgeblich, wie Räume tatsächlich genutzt und geöffnet werden können.
Was versteht ihr unter Kunstvermittlung?
Wir verstehen Kunstvermittlung als die Gestaltung von Erfahrungs- und Reflexionsräumen, in denen Menschen in Beziehung treten können – zu Kunst, zu sich selbst, zu anderen und zu den Systemen, in denen sie handeln.
Dabei geht es neben dem Vermitteln von (Kunst-)Wissen, vor allem um das Ermöglichen von Erfahrung: Wahrnehmung schärfen, Irritation zulassen, Resonanz erzeugen. Kunstvermittlung kann dazu beitragen, dass ästhetische Erfahrungen nicht isoliert bleiben, sondern vertieft und in Bezug gesetzt werden – sodass sie potenziell transformativ wirksam werden. Dabei wollen wir nicht vorschreiben, was das im einzelnen Kontext bedeutet, sondern fragen: Was resoniert? Welche Experimente und Strategien können im eigenen Lebens- und Arbeitsbereich etwas bewegen – von einem bestehenden in einen wünschenswerten Zustand?
Das bedeutet nicht, dass wir wertfrei oder neutral agieren. Unsere Praxis ist politisch – sie ist parteiisch für Solidarität, für marginalisierte Perspektiven, für eine Gestaltung von Zukunft, die strukturelle Ungleichheiten nicht reproduziert, sondern sichtbar macht und herausfordert.
In was für einem Verhältnis stehen Vermittlung und Kunst (für euch) zueinander?
Die Trennung von Kunst und Vermittlung erscheint uns oft eher als organisatorische denn inhaltliche Kategorisierung. Kunst eröffnet einen Erfahrungsraum. Vermittlung kann diesen Raum erweitern, vertiefen und zugänglich machen. In unserer Praxis wird Vermittlung selbst zu einer Form von Gestaltung – und damit teilweise zu einer eigenständigen künstlerischen Praxis.
Warum (zeitgenössische) Kunst vermitteln?
Zeitgenössische Kunst operiert häufig dort, wo Sprache an ihre Grenzen kommt. Sie kann Ambivalenzen sichtbar machen, Komplexität halten und Erfahrungen ermöglichen, die sich nicht unmittelbar auflösen oder einordnen lassen.
Gleichzeitig ist Kunst allein nicht automatisch transformativ. Sie kann berühren, irritieren, Aufmerksamkeit erzeugen – aber diese Impulse müssen aufgegriffen werden. Kunstvermittlung setzt genau hier an: Sie öffnet den Raum, in dem aus einer ästhetischen Erfahrung eine persönliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung werden kann. Aus einem „Das ist interessant“ kann ein „Was hat das mit mir zu tun – und wie handle ich daraus?“ entstehen. Dabei ist wichtig: Nicht jede Erfahrung muss gesellschaftlichen Wandel nach sich ziehen. Eine solche Instrumentalisierung erzeugt Druck und ist aus unserer Sicht nicht produktiv.
In welchem Verhältnis seht ihr die Praxis des Kuratierens und der Vermittlung?
Aktuell erleben wir oft eine sequentielle Logik: Erst wird kuratiert, dann vermittelt. Uns interessiert, wie diese Trennung aufgebrochen werden kann – hin zu einer gemeinsamen Praxis von Künstler:innen, Kurator:innen und Vermittler:innen, die bereits in der Konzeption von Ausstellungen unterschiedliche Perspektiven integriert. Gute Vermittlung beginnt nicht erst, wenn eine Ausstellung fertig ist – und wirkt möglicherweise weit über sie hinaus.
Warum ist Kunstvermittlung für ein Museum / eine Institution wichtig?
Kunstvermittlung entscheidet darüber, ob ein Museum ein Ort der Rezeption bleibt oder zu einem Ort der Auseinandersetzung wird. Sie schafft Bezüge zwischen Kunst, Künstler:innen und Publikum und kann gesellschaftliche Fragestellungen öffnen.
Gleichzeitig sehen wir eine Spannung: Kunstvermittlung wird oft mit großen Erwartungen aufgeladen – „Kunst verändert die Welt“ –, ohne dass die dafür notwendigen Räume und Ressourcen tatsächlich geschaffen werden. Genau hier setzt unsere Arbeit an. Uns war bei unseren Formaten wichtig, eine andere Beziehungsweise zu Kunst, Ausstellung und Museum zu entwickeln – und damit langfristig eine Verbindung zu schaffen, die über das reine Besuchen hinausgeht: hin zu einem Ort für gesellschaftliche und soziale Auseinandersetzung.
Wo befinden sich die (institutionellen) Räume, in denen wir über unsere Kunst-Erfahrungen diskutieren können?
Häufig sind diese Räume klar gerahmt: Führungen, Talks, Workshops. Uns interessiert, wie sie fluider und durchlässiger werden können – in offenen Formaten wie der Open Area des Kunstmuseums, in informellen Begegnungen oder durch Formate, die sich direkt in Ausstellungen einschreiben. Neben klassischen Formaten glauben wir an subversivere, weniger deklarierte Formen von Vermittlung.
Inwiefern kann Kunstvermittlung dem Publikum einen Handlungsraum eröffnen?
Indem sie Personen nicht nur als Rezipient:innen adressiert, sondern als Mitgestaltende ernst nimmt. Handlungsraum entsteht dort, wo Menschen sich selbst in Beziehung setzen – zu dem, was sie sehen, zu anderen und zu ihrem eigenen Lebens- und Wirkungsbereich. Es geht nicht um „Aktivierung“ im Sinne von „mach jetzt irgendetwas damit“, sondern um die Möglichkeit, sich selbst als wirksam zu erleben.
Wann findet ihr ist Kunstvermittlung gelungen? Wann findet ihr, ist Kunstvermittlung schwierig?
Gelungen ist sie für uns, wenn sich etwas verschiebt – oft leise: in der Wahrnehmung, in der Sprache, in den Fragen, die Menschen sich stellen.
Schwierig wird es, wenn Vermittlung instrumentalisiert wird – zur reinen Wissensvermittlung oder als Pflichtprogramm innerhalb institutioneller Logiken. Oder wenn sie Wirkung behauptet, ohne sich mit den Bedingungen tatsächlicher Veränderung auseinanderzusetzen – und dabei individuelle Verantwortung vorwirft, anstatt strukturelle und systemische Verstrickungen sichtbar zu machen.
Gibt es eine spezielle Methode oder Strategie, mit der ihr aktuell arbeitet?
Wir arbeiten mit soften Praktiken von Veränderung: verkörperte Übungen, kollektive Reflexion, Gesprächsformate und kleine Experimente, die erkunden, was etwas in uns auslöst, was wir loslassen wollen und was wir anstreben. Das Softe daran ist ein sehr bewusster Umgang mit sich und anderen – eine Haltung, die Agency und Empowerment ebenso trägt wie Solidarität und den Wunsch nach systemischem Wandel. Sie wird dabei nicht rigide oder belehrend, sondern nimmt die Potenziale von Emotionen, persönlichen Kapazitäten, Beziehungen und Fürsorge ernst.
Ein zentraler Gedanke unserer Praxis ist Fractal Agency – die Idee, dass Veränderungen im Kleinen nicht klein sind, sondern sich in größere Systeme einschreiben. Veränderungen verbreiten sich nach Prinzipien von Quantum Social Change: entangled, nicht lokal, intra-connected und mit dem Potenzial, Emergenzen zu erzeugen. Dafür verweben wir Referenzen und Methoden aus unterschiedlichen Quellen: systemisches Denken, kritische Zukunftsforschung, feministische und queere Perspektiven, Anthropologie, Organisationssoziologie und Psychologie.
Woran arbeitet ihr gerade?
Am Kunstmuseum Wolfsburg arbeiten wir an der Weiterentwicklung von transformativ softe räume – insbesondere daran, wie sich diese Praxis in der Vermittlung verstetigen lässt, ohne ihre Offenheit und experimentelle Qualität zu verlieren.
Daniele arbeitet parallel an eigener künstlerischer Praxis sowie an kuratorischen und vermittelnden Experimenten und Denkformaten für transformative Gestaltung – an der Grenze zwischen Intervention, Begleitung und Forschung.
Luisa arbeitet an Entwicklungsprogrammen für Führungskräfte und Change Maker bei UnternehmerTUM in München, eigenen Formaten wie Queer Thinking für Organisationensstrukturen mit mit den Beratungsanbietenden mglw. und Metaplan und erkundet weiter liminale Räume als Orte für Veränderung.
Welche Bücher, Projekte etc. sind für eure Arbeit wichtig – und warum?
Unsere Arbeit speist sich aus der Verbindung unterschiedlicher Felder. Entscheidend sind für uns Ansätze, die Komplexität nicht vereinfachen, sondern halten – und dennoch Handlung ermöglichen. Wichtige Referenzen sind u.a. Ursula K. Le Guin, Karen O’Brien und Andrea Vetter, aber auch bell hooks und Lora Mathis. Ebenso prägend sind konkrete Projekte – oft selbstorganisiert, experimentell, gemeinwohlorientiert und eher subtil als plakativ, immer parteiisch und solidarisch mit marginalisierten Gruppen.
Welche Frage würdet ihr gerne einer Person in der Kunstvermittlung stellen?
Wie gehst du mit dem Spannungsfeld zwischen institutionellen Anforderungen und deinem eigenen Anspruch an transformative Praxis um? Und: Wer ist deine Auftraggeber:in – was will sie wirklich von dir? Was ist deine Mission darüber hinaus?
Wie stellt ihr euch die Zukunft der Kunstvermittlung vor?
Wir sehen Kunstvermittlung weniger als abgegrenztes Feld, sondern als durchgehende Praxis innerhalb von Institutionen. Wir möchten uns vorstellen, dass sie sich stärker in Richtung langfristiger, prozessbasierter Formate entwickelt, kollaborativer wird und ästhetische Erfahrung enger mit gesellschaftlicher Verantwortung und individueller Entwicklung verbindet.
Luisa Bergander gestaltet transformative Lernräume für Führungskräfte und Change Maker an der Schnittstelle von Education Design, Inner Development und Strategic Futures bei UnternehmerTUM in München. In ihrer freien Praxis arbeitet sie mit queeren Denkansätzen als Inspiration für beweglichere Organisationsstrukturen und gestaltet Vermittlungsformate an der Grenze von ästhetischer Erfahrung und gesellschaftlicher Auseinandersetzung.
Daniele Lauriola bewegt sich zwischen Transformation Design, Organisationsentwicklung, künstlerischer Praxis und kritischer Zukunftsforschung. Er arbeitet im Kontext von Kunst im öffentlichen Raum und in kuratorischen Zusammenhängen und entwickelt Vermittlungsformate als eigenständige künstlerische Praxis.
Das soft systems collective ist ein Forschungs- und Handlungskollektiv, das experimentelle Lern- und Erfahrungsräume gestaltet, um gesellschaftliche Transformationen hin zu wünschenswerten Zukünften erfahrbar, reflektierbar und gestaltbar zu machen.
Veröffentlicht am 19.05.2026
Zitiervorschlag: Luisa Bergander & Daniele Lauriola (2026): Softe Praktiken der Veränderung. Interview, The Art Educator’s Talk. What does s/he say? Abrufbar unter: https://thearteducatorstalk.net/?interview=luisa-bergander-daniele-lauriola-softe-praktiken-der-veraenderung
Interview: Gila Kolb
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