Jacqueline Baum – Kunstvermittlung in integraler Autorschaft

In welchem Kontext arbeitest Du als KunstvermittlerIn – und wie kamst Du dazu?

Jaqueline Baum: Ich leite die Studiengänge Kunstvermittlung in Kunst und Design (BA) und den Studiengang Art Education (MA) zusammen mit meiner Kollegin Maren Polte an der Hochschule der Künste Bern, wo ich auch als Dozentin für Kunst und Kunstvermittlung arbeite.  Zudem bin ich Künstlerin. Ich sehe mich nur indirekt als Kunstvermittlerin, weil ich Studierende ausbilde, die später Bildnerisches Gestalten an einem Gymnasium unterrichten oder sich als Kunstvermittler_innen an einem Kunstmuseum oder im ausserschulischen Bereich positionieren werden. Das Ausbildungsziel des Master of Art Education an der HKB  ist „die Ausbildung einer Persönlichkeit mit hoher gestalterisch-künstlerischer Ausdrucks- und Urteilsfähigkeit, großer technologischer Kompetenz, wissenschaftlichem Reflexionsvermögen und professionellen Vermittlungs- und Kommunikationskompetenzen.“ Das Ziel wird zusammengefasst in dem Begriff der integralen Autorschaft im Feld der Kunstvermittlung und der ästhetischen Bildung. Darunter verstehe ich die Kombination einer künstlerischen, kunstvermittlerischen und theoriebezogenen Haltung als Kunstvermittlerin.

Mit wem arbeitest Du zusammen?

JB: Ich arbeite fast immer in Teams. Modelle wie Co-Leitung und Co-Teaching sind wertvoll und auch im positiven Sinne herausfordernd, weil das Gegenüber Impulse gibt, die eigene Position und Haltung zu überdenken und die eigenen Methoden zu erweitern. Kollektive Arbeitsformen haben ein enormes Potential, wenn es den einzelnen Beteiligten möglich ist, sich als Individuum einzubringen.

Die Zusammenarbeit und der Austausch mit Akteur_innen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen sind zentral für mich, sei das in der Lehre oder in der Kunst. Als Künstlerin arbeite ich seit 2011mit Ursula Jakob im Duo Baum/Jakob.

Was verstehst Du unter Kunstvermittlung?

JB: Grundlegend für meine Arbeitsweisen sind dialogische Formen der Vermittlung, da diese die Möglichkeit bieten, gemeinsam Wissen zu generieren. Ich orientiere mich zudem an der Kunstvermittlung von Kunst aus und habe diese Ansätze von Eva Sturm in der eigenen Praxis ständig weiterentwickelt und erweitert. In meinem Verständnis handelt es sich dabei um Versuche, ins Offene zu gelangen. Diese bedingen es auch, auszuhalten, dass Unvorhergesehenes oder manchmal auch nichts Wichtiges passiert. Instabilität und die Möglichkeiten des Scheiterns können im künstlerischen wie auch im vermittelnden Prozess als Momente der Inspiration wahrgenommen werden.

In welchem Verhältnis stehen Vermittlung und Kunst (für Dich) zueinander?

JB: Als Künstlerin und Dozentin in unterschiedlich akzentuierten Modulen interessiert mich die Vergleichbarkeit von künstlerischen und vermittelnden Prozessen. Ich gehe davon aus, dass ein künstlerischer Prozess, wenn er „am eigenen Leibe“ erfahren wird, mit all seinen Schwierigkeiten, Brüchen und Richtungsänderungen eine Basis für die Vermittlung bilden kann. Vorausgesetzt, dass künstlerische Prozesse auch reflektiert werden und dass für ein so gewonnenes Erfahrungswissen ein eigenes Vokabular gefunden wird.

Warum (zeitgenössische) Kunst vermitteln?

JB: Ganz persönlich beschäftigt mich, wie über zeitgenössische Kunst verhandelt werden kann, wenn sie nicht mehr verstanden wird. Ich möchte diskutieren, wie Bildungsprozesse ausgehend von zeitgenössischen Werken angestoßen werden können. Momente der Irritation können da der Vermittlung neue Impulse geben, nicht nur zu rezipieren, sondern selbst Behauptungen in den Raum zu stellen. Es sollte dabei offengelegt werden, dass die Kunstvermittlung ein möglicher Zugang ist, aber nicht der Einzige.

In welchem Verhältnis siehst Du die Praxis des Kuratierens und der Vermittlung?

JB: Es kommt darauf an, mit welchem Selbstverständnis das Kuratieren betrieben wird. Es gibt vermehrt Institutionen, wo ein Austausch zwischen beiden Praxisfeldern auf Augenhöhe stattfindet und sich Partner_innen beider Felder der Gemeinsamkeiten und Unterschiede bewusst sind. Bestenfalls entstehen in dieser Zusammenarbeit neue Ansätze für die Begegnung und Interaktion mit Kunst.

Warum ist Kunstvermittlung für ein Museum / eine Institution wichtig?

JB: Kunstvermittlung ist wichtig, wenn ihr genügend Raum gegeben wird, nicht nur etablierte Formate (z.B. Führung, Malen mit Kindern…) zu bedienen. Ich denke, dass die Kunstvermittlung ungewöhnliche Situationen für Dialoge schaffen kann und dabei auch alltägliche Fragen und lokale Themen einbeziehen kann.

Wo befinden sich die (institutionellen) Räume, in denen wir über unsere Kunst-Erfahrungen diskutieren können?

JB: Unter Kolleg_innen, mit Studierenden, überall wo das Bedürfnis nach Austausch entsteht… An der Hochschule ist es ein Anliegen, Räume zu schaffen, wo Studierende eigenständig Formate einrichten können, um über Kunst-Erfahrungen im ungezwungenen Rahmen zu sprechen. In letzter Zeit habe ich beobachtet, dass sich Bedürfnisse und Interessen verschieben und der institutionelle Rahmen nicht immer dafür passt.

Inwiefern kann Kunstvermittlung dem Publikum einen Handlungsraum eröffnen?

JB: Wie zuvor schon erwähnt, wenn Kunstvermittlung kritisch sein darf und sie gemeinsam mit dem Publikum oder den Projektteilnehmer_innen ins Nachdenken, Reflektieren und Handeln kommt.

Wann findest Du ist Kunstvermittlung gelungen? Wann findest Du ist Kunstvermittlung schwierig?

JB: Ich erachte Kunstvermittlungsprojekte als gelungen, wenn sie eine eigenständige Auseinandersetzung mit der Kunst ermöglichen. Ich halte es jedoch nicht für ratsam, Kriterien für gelungene und schwierige Projekte festzuschreiben. Situationen oder Settings müssen immer wieder neu überdacht und ausgehandelt werden. Im Kontext der Hochschule ist es mir ein Anliegen, dass Studierende sich der Schwierigkeit des Bewertens bewusst sind. Es ist wichtig, dass sie Argumente dafür finden, warum etwas gelungen oder schwierig ist.

Gibt es eine spezielle Methode oder Strategie mit der Du aktuell arbeitest?

JB: Mir gefällt das Bild der Kunstvermittlerin als Regisseurin und die Methode der Montage, welche Bild und Ton in einer bestimmten Weise einander zuordnet und so eine Wirklichkeit entstehen lässt. Beim Unterrichten versuche ich, die Dinge immer wieder neu aufeinander treffen zu lassen, so dass die Studierenden gefordert sind, den Stoff zu befragen und ausgehend von ihren Erfahrungen einen eigenen Zugang dazu zu finden. Ich bediene mich im Unterricht auch künstlerischer Forschungsstrategien, wie Feldforschung (Interviews, teilnehmende Beobachtung…) als Methoden, um in einem kollaborativen Prozess Themen wie beispielsweise « Die Grenze» in der unmittelbaren Umgebung der HKB Bern in Bümpliz Nord zu recherchieren und dazu gemeinsam Wissen zu generieren.

Woran arbeitest Du gerade?

JB: Ursula Jakob und ich haben künstlerische und vermittelnde Prozesse im Rahmen des Forschungsprojekts „Kunstvermittlung in Transformation, Art as Education, Education as Art“ untersucht und haben dazu einen Kurs für den Master Art Education aufgesetzt. Das gegenseitige Lernen von unterschiedlichen Herangehensweisen soll dazu dienen, tradierte Praktiken aufzuweichen und neue Wege zu beschreiten. Der Einbezug von Studierenden der Musikvermittlung eröffnet zudem die Möglichkeit, Vermittlung spartenübergreifend zu denken und den Transfergedanken des Forschungsprojektes auszubauen und zu erweitern. Zum Anlass des 20-jährigen Jubliäums des Migros Museum entstand eine Kooperation für die Umsetzung von künstlerischen Kunstvermittlungsprojekten.

Im Bachelor habe ich gemeinsam mit Ruth Kunz einen Kurs entwickelt, in dem die Studierenden das entdeckende Lernen und die Methoden des Projektunterrichts kennenlernen. Sie entwickeln eine Aufmerksamkeit dafür, was Kinder mitbringen – an Fragen, Phantasie und Eigensinn. Indem sie sich der Chancen und Grenzen offener Lernformen bewusst werden und Interaktionsprozesse auch im Kontext von Herkunft und Lebenswelt betrachten, lernen sie dem heterogenen Entwicklungstand und den unterschiedlichen Interessen und Neigungen der Kinder mit einer kooperativen Haltung zu begegnen. Das Modul soll das gemeinsame Lernen von Studierenden und Kindern unterstützen.

In der künstlerischen Arbeit mit Ursula Jakob beispielsweise entsteht oft durch Montage eine vielstimmige Sichtweise und es ist uns wichtig, dass die Betrachter_innen diese unterschiedlichen Realitäten oder Haltungen eigenständig erschließen können. Wir erhoffen uns, dass so verschiedene Bedeutungsebenen erfahrbar gemacht werden können. Wir setzten uns im letzten Projekt (daraus ist das Buch „Blumenlese“ entstanden) damit auseinander, was sowohl in der Kunst als auch in der Wissenschaft passiert, wenn Objekte aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst werden.

Welche Bücher, Projekte etc. sind für Deine Arbeit wichtig – und warum?

JB: Menschen oder Projekte, welche sich mit den oben genannten Themen auseinandersetzen: Tania Bruguera „Behavior Art School“, Eduard Glissant „Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit“, Eva Sturm „Von Kunst aus. Kunstvermittlung mit Gilles Deleuze“ , Claire Bishop „Participation“, Nina Möntmann „New Communities“ in: Art, Informal Space and Social Consequence: A Curatorial Handbook in Collaborative Practice, Gary Snyder „Lektionen der Wildnis“, Hannah Arendt „Vita Activa oder vom tätigen Leben“, Hito Steyerl „Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld“, Jaques Rancière „Der unwissende Lehrmeister. Fünf Lektionen über die intellektuelle Emanzipation“, Paulo Freire „Pädagogik der Unterdrückten“, Jean-Luc Godard „Histoire(s) du Cinéma“, Catherine Russell „Experimental Ethnography. The Work of Film in the Age of Video“, Gesa Ziemer „Komplizenschaft. Neue Perspektiven auf Kollektivität“, Irit Rogoff, Carmen Mörschs „Zeit für Vermittlung“, „CUP New York“, Sharon Lockhart „Pine Flat“, Suzanne Lacy „Mapping the Terrain. New Genre Public Art“, Shelley Hirsch und viele Andere….

Welche Frage würdest Du gerne einer/m KunstvermittlerIn stellen?

JB: Wie sieht die Ausbildung von zukünftigen Kunstvermittler_innen aus?

Wie stellst Du dir die Zukunft der Kunstvermittlung vor?

JB: Gute Frage. Ich denke, dass die Möglichkeiten, ausgehend von Kunst Dialoge anzuregen, noch erweitert werden können. Bei den Studierenden im Studiengang beobachte ich das Interesse an Gegebenheiten und Fragen rund um Kulturinstitutionen. Basierend auf einer Auftragsarbeit für die Kunsthalle Bern beispielsweise, wurden genderneutrale WC-Schilder entworfen. Die Initiantinnen haben sich überlegt, wie sie ausgehend davon als selbständige Künstlerinnen/Kunstvermittlerinnen auftreten möchten, um Diskurse zum Thema Inklusion/ Exklusion anzuregen. Projekte und Ideen, welche in der Gesellschaft weiterwirken, sind aus meiner Sicht zukunftsweisend.

Jacqueline Baum, *1966.  Nach dem Abschluss des staatlichen Lehrerseminars in Brig und dem Zeichenleher_innendiplom in Luzern lebte sie von 1996 – 2004 in New York, wo sie am Pratt Institute mit einem Master of Fine Arts abschloss und dort 1999 den AIM Award am Bronx Museum of the Arts erhielt. Es folgten Tätigkeiten an verschiedenen Institutionen, darunter Lecturer am Museum for Modern Art in New York, Leitung von partizipativen Kunstprojekten an Schulen in Harlem und Professorin für neue Medien am Pratt Insitute. 2011 erhielt sie den SAM Art Award in der Schweiz. Von 2003-2009 leitete Jacqueline Baum das Propädeutikum an der Hochschule der Künste Bern. 2005 war sie für die künstlerische Leitung der Biennale Bern zuständig. Seit 2009 ist sie Dozentin im Bereich der Kunst und Kunstvermittlung an den Studiengängen Bachelor in Vermittlung in Kunst und Design und Master of Art Education, welchen sie seit 2015 mit Maren Polte co-leitet. Sie forscht im Bereich der Kunstvermittlung, ästhetischen Bildung und Kunst und hat in diesem Rahmen publiziert und ausgestellt.
Web: baumjakob.ch, arteducation.ch

Interview: Gila Kolb, 1.05.2018
Fotos: Jaqueline Baum, 2018



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