Harm-Heye Kaninksi: Hinterfragungsprozesse von einer anderen Richtung her neu beginnend anstoßen

In welchem Kontext arbeitest Du als KunstvermittlerIn – und wie kamst Du dazu?

HHK: Ich arbeite als Kunstlehrer an einem Hamburger Gymnasium. Ursprünglich war mein Interesse rein fachlich und ziemlich undifferenziert. Und so bewarb ich mich an der Kunsthochschule für den Studiengang Bildende Kunst. Von Anfang an besuchte ich auch Veranstaltungen zur Kunstgeschichte und auch zur Kunstvermittlung. Nachdem, was ich in meiner eigenen Schulzeit erlebt habe, hätte ich mir zunächst nicht vorstellen können, Kunstlehrer zu werden. Ich kam dann mit Bernhard Balkenhol ins Gespräch, dessen Bild von einem Kunstlehrer so gar nicht dem entsprach, was ich zuvor (in meiner Schulzeit) erlebt und (ab einem gewissen Punkt) abgelehnt hatte. In der Kunsthochschule Kassel arbeiteten KunstvermittlerInnen mit bildenden KünstlerInnen praktisch in den selben Ateliers, weshalb ich mich nun also auch für Kunstpädagogik einschrieb.

Mit wem arbeitest Du zusammen?

HHK: An meiner Schule arbeiten insgesamt 5 andere KunstlehrerInnen, welche zu unterschiedlichen Zeitpunkten an verschiedenen Hochschulen studierten und unterschiedliche Ansätze vertreten. Im Referendariat hatte ich außerdem das Glück, mit Dr. Michael Grauer zusammenarbeiten zu können, welcher im Umgang mit dem Fach und seinen Gegenständen eine für mich unglaublich strukturierte Methodik besitzt und vermittelt. Sonst bin ich jeden Tag vom System Schule umgeben. Dort als Vertreter eines klassischen „Exotenfachs“ aufzutreten ist nicht immer einfach, es ermöglicht aber auch spannende Begegnungen.

Was verstehst Du unter Kunstvermittlung?

HHK: Kunstvermittlung hilft, einen ästhetischen Zugang zur Welt zu entwickeln. Ich meine damit keinen als ontologischen Ferienort missverstandenen musischen Zugang, der gewissermaßen gegen die kognitiv-wissenschaftliche Erfassung von Welt auszuspielen ist, denn auch ästhetische Prozesse beinhalten hohe kognitive Anteile. Sie können äußert komplex sein und benötigen eine gewisse Disziplin und auch einen Mut zur Grenzüberschreitung. Kunstvermittlung bedeutet also zunächst einmal  ästhetische Auseinandersetzungen ein Stück weit nachvollziehbar erscheinen zu lassen.

In was für einem Verhältnis stehen Vermittlung und Kunst (für Dich) zueinander?

HHK: Künstlerische Diskurse besitzen (wie jegliche anderen Fachdiskurse in einer Welt hochdifferenzierter Arbeitsteilung auch) eine gewisse Intensität. Hermann K. Ehmer erwähnt in einem Interview mit Georg Peez und Werner Stehr  beispielhaft Morandi, der sich Jahrzehnte lang mit den Farbkanten abstrahierter Flaschen beschäftigte. Mit der ausreichenden Zeit zur Rezeption schließe ich gar nicht mal aus, dass dort auch irgendwann Betrachter ankommen, welche sich zuvor nicht mit dem entsprechenden Diskurs beschäftigt haben. Dennoch benötigen solche Arbeiten Vermittlung (die auch einschließt, einmal einen Pinsel in der Hand gehabt zu haben), denn ansonsten wird Kunst schnell etwas sehr Elitäres.
Das trifft im Übrigen sogar im Besonderen auf Kunst zu, welche im ersten Moment zugänglich erscheint. Wenn ich mir beispielsweise Damien Hirsts Ausstellung „Treasures from the wreck of the unbelievable“ anschaue oder wenn Koki Tanaka Filme und Artefakte einer Wanderung zum nächstgelegenen Atomkraftwerk ausstellt, so bietet mir der Künstler ausreichend Gelegenheiten einen vermeintlich schnellen Zugang zu finden, mich damit zufrieden zu geben und meine Rezeption abzuschließen. Hier benötige ich einen Dialog-Partner, der weiter fragt und somit (bestenfalls) die Weiterführung hermeneutischer Prozesse anstößt.

Warum (zeitgenössische) Kunst vermitteln?

HHK: Hier geht es meiner Meinung nach auch um kulturelle Teilhabe. Ich habe die vorherigen Fragen immer mit einer Perspektive auf die Bildende Kunst beantwortet. Man muss tatsächlich voraussetzen, dass das, was man traditionell als angewandte Kunst bezeichnet hat, in der uns umgebenen Alltagskultur unbestritten präsenter ist. Dennoch ist es gerade in diesem Zusammenhang interessant, Werke der bildenden Kunst hinzuzuziehen.
Gerade zeitgenössische Kunst hat auch immer eine Geschichte und Kunstverständnis benötigt auch ein allgemein- und kunsthistorisches Bewusstsein. Die Vermittlung von zeitgenössischer Kunst wird immer dann schwierig, wenn man versucht sie kontextlos, also unabhängig von geschichtlicher Wirklichkeit und Lebenswirklichkeit zu begreifen. Gerade in den Schulen geschieht dies immer noch viel zu oft, da zeitgenössische Kunst nicht selten gerade da heraus vermittelt wird, die eigene Passion bildet, welche Vermittelnde selbst vielleicht gar nicht kontextualisieren wollen. Wer dies tut, geht schnell einseitig vor und hat damit nicht nur einen Paradigmenwechsel in der Kunstdidaktik, sondern auch in vielen Werke der zeitgenössischen Kunst selbst verpasst, da viele KünstlerInnen ja ganz bewusst mit diesen Kontexten arbeiten oder an ihnen ihre eigene Position überhaupt erst ausloten. Dies zu ignorieren geht zu Lasten der Lernenden, da diesen so eine Möglichkeit verwehrt bleibt, hier Strategien des Hinterfragens von Selbstverständlichkeiten kennenzulernen, wie sie andere Fachdiskurse selten aufbieten können. Nicht umsonst wird zeitgenössischer Kunst von jeher die Möglichkeit subversiven Potentials unterstellt…

In welchem Verhältnis siehst Du die Praxis des Kuratierens und der Vermittlung?

HHK: Ich versuche die Frage aus einer Perspektive zu beantworten, welche sowohl der eines reinen Ausstellungsbesuchers entspricht oder eines gewissermaßen von außen kommenden Vermittlers, welcher wenig Einblick in interne Prozesse hat und so eher mit der (Schüler-)Gruppe mit der er die Ausstellung besucht verbunden ist. Als solcher taucht man vielleicht oft auch mit einem gewissen “Eigeninteresse” in der Ausstellung auf, welches nun gar nicht primär darauf abzielt das Konzept der KuratorIn zu vermitteln, sondern oft ganz andere Lerngegenstände sucht, so wie sie in Anbetracht der Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler bis zum Punkt des Ausstellungsbesuches in deren Lernprozess kohärenter erscheinen. So wie jedem Betrachter trotz kuratorischem Zugang und Vermittlungsprogramm offen bleibt, bis zu einem gewissen Punkt eigene Zugänge zu finden, erlaubt man sich ab und zu auch mal eine Ausstellung gewissermaßen “gegen den Strich” zu vermitteln. Aber das ist ja das Schöne an Führungen oder Workshops; denn was die KuratorIn für wichtig hält, bekommt man ja inzwischen genauso von erklärenden Wandtafeln und aus dem Audio-Guide mitgeteilt. Mit der VermittlerIn bekommt man stattdessen eine Dialog-PartnerIn vorgesetzt, welcher einen Dialog in beide Richtungen führt, da er gleichzeitig immer auch selbst Rezipient ist. So glaube ich auf der documenta14 beobachtet zu haben, dass gerade besucherorientierte Führungen mit den Fähigkeiten der Vermittelnden stehen und fallen.

Warum ist Kunstvermittlung für ein Museum / eine Institution wichtig?

HHK: Das sich nur wenige Kunstwerke bequemen, sich von allein zu vermitteln, wurde ja nun bereits ausreichend dargelegt. Ich möchte die Frage darum umformulieren und Fragen, was Kunstvermittlung in Museen wichtig oder ganz einfach gelungen macht. Während meines Studiums arbeitete ich eine Zeit lang für die Museumslandschaft Hessen Kassel (womit ich hier nun versuche einen Perspektivwechsel gegenüber meiner Außenbetrachtung in der letzten Fragestellung durchzuführen). Auch aus einer Binnenperspektive lässt sich (so glaube ich) daran anknüpfen, dass eine Auseinandersetzung mit Kunstwerken immer hermeneutisch ist und man davon sprechen kann, dass DialogpartnerInnen, welche sich gewisse Zusammenhänge vielleicht bereits erarbeitet haben, immer bereichernd sind. Selbst wenn man nun einwirft, dass das Kunstwerk selbst gewissermaßen als Dialogpartner ausreichen solle, lässt sich der Wert eines solchen anwesenden Dritten behaupten.
Aus diesem Gedanken heraus ist eine musealer KunstvermittlerIn also immer dann erfolgreich, wenn es ihr/ihm gelingt, mit dem/der BetrachterIn in einen lebendigen Dialog zu treten. Dies ist im Kanon der angebotenen Themen-Museumsführungen eine viel größere Herausforderung als in der Schule, da die Begegnung viel flüchtiger ist und es viel (mehr) Empathie und Intelligenz bedarf, auf in der Regel vollkommen Fremde als Individuen und Gruppen einzugehen.

Wo befinden sich die (institutionellen) Räume, in denen wir über unsere Kunst-Erfahrungen diskutieren können?

HHK: Ist das eine Wissensfrage? Im ersten Moment denke ich an die klassischen und sehr formalen Institutionen „Schule, Kunstverein, Museum“. Interessant ist die Frage vielleicht, wie diese Institutionen zusätzliche Räume zu diesem Zweck schaffen können. Ich könnte mir beispielsweise auch vorstellen, dass gerade Kunst in öffentlichen Raum in Zukunft eigene Vermittlungsinstitutionen entwickeln wird.

Inwiefern kann Kunstvermittlung dem Publikum einen Handlungsraum eröffnen?

HHK: Gute Kunst zeigt Ungewohntes und so noch nicht Gekanntes. Wer sich dem bewusst aussetzt und die daraus resultierende Irritation zulässt, der lernt Ungewohntes und so noch nicht Gekanntes zu denken zu denken. Unorthodoxes Denken führt zu unorthodoxem Handeln. Diesen Zustand der Irritation gilt es allerdings auszuhalten und in einen produktiven (oder destruktiven) Moment zu verwandeln. An diesem Punkt kann Kunstvermittlung einsetzen.

Wann findest Du ist Kunstvermittlung gelungen? Wann findest Du ist Kunstvermittlung schwierig?

HHK: Kunstvermittlung ist immer dann gelungen, wenn sie dazu verhilft, dass sich in der Auseinandersetzung Fragen stellen. Nichts ist schlimmer als eine Ausstellung zu besuchen und sie mit dem Gedanken zu verlassen, dass alles sei, wie man es zuvor schon gewusst und ohnehin immer angenommen habe. Tritt dies ein, so hat nicht nur die Kunstvermittlung, sondern auch die Kunst versagt. Die Kunst kann sich dagegen insofern nur schlecht verteidigen, als dass die besuchte Ausstellung, sowie die KünstlerInnen und Kunstwerke mit  sich die Betrachtenden beschäftigen, ja nun aus einem Interesse heraus ausgewählt wurden, welche im gewissen Sinne gerade aus deren Gewohnheiten heraus gebildet werden und damit oft geradezu die Bestätigung des bereits gesicherten Wissens und Fühlens gesucht wird. Dies führt genauso zu einer Einschränkung des Blickes, vergleichbar mit dem Filter, welcher mir bei der google-Suche immer wieder das präsentieren will, was ich sowieso schon konsumiere. Hier kann Kunstvermittlung gewissermaßen intervenieren und Hinterfragungsprozesse von einer anderen Richtung her neu beginnend anstoßen.

Gibt es eine spezielle Methode oder Strategie mit der Du aktuell arbeitest?

HHK: Am ehesten ließe sich meine Strategie als ein Arbeiten in und mit Strukturen verstehen, welche ich im schulischen Kunstunterricht zu vermitteln versuche. Dabei sollen die Schülerinnen und Schüler Einblick in die Arbeitsstrukturen und deren zugrundeliegende Haltung (zur Welt) bekommen, um sich in diesen dann soweit möglich auszuprobieren. Im Bestfall sollte dies auch zu einer gewissen Sensibilität gegenüber den Alltags-, Institutions- oder sogar Denkstrukturen führen, in denen sie sich selbst bewegen.

Woran arbeitest Du gerade?

Ich interessiere mich vor allem für Lern- und Erkenntnisprozesse, welche in Zusammenhang zur Auseinandersetzung mit Künstlern und Kunstwerken entstehen. Dies fließt auf der einen Seite in meine Unterrichtsentwicklung ein.

Welche Bücher, Projekte etc. sind für Deine Arbeit wichtig – und warum?

HHK: Ganz direkt kann ich vor allem Positionen aus der Ästhetik oder der Lernpsychologie in meine Arbeiten einfließen lassen, da sich diese am direktesten mit Kunstwahrnehmung und Lernprozessen beschäftigen.
Abgesehen davon beschäftige ich mich gern mit pädagogischer Fachliteratur, welche in diesem Bereich erlaubt, Selbstverständliches anders zu denken. So beeindruckte mich meiner Studienzeit beispielsweise „Das pädagogische Unverhältnis“ von Nora Sternfeld. Heute finde ich das Buch immer noch interessant, da es damals im gewissen Sinne insofern „Avantgarde“ war, als dass dort viele (Lern-)Settings reflektiert werden, die mir auch heute im schulischen Alltag gegenübertreten. Gleichzeitig schaue ich immer wieder gern in Klassiker, wie z.B. Theodor Litts „Führen und Wachsenlassen“ oder Gerd Selles „Kultur der Sinne“.

Wie stellst Du dir die Zukunft der Kunstvermittlung vor?

HHK: Ich könnte mir direktere Eingriffe in den Lebensalltag vorstellen. Streetart, Kunst im öffentlichen Raum, Architektur, Design von Konsumgütern: Themen, die uns alle im Alltag betreffen, die aber nur Gegenstand der Vermittlung werden, wenn die Institution sie auffängt, indem sie Teil von Museumsausstellungen oder Schulunterricht werden. Ich könnte mir vorstellen, dass viel mehr „wilde Vermittlungskultur“ entsteht. Ein Beispiel hierfür ist auch youtube: Ich beobachte, dass in den letzten Jahren eine steigende Zahl von oft filmanalytisch hochwertigen „Reviews“ von Kinofilmen und verstärkt auch Serien zu sehen sind. Diese erfahren oft eine große Resonanz von fünf- oder sechsstelligen Zuschauerzahlen und erreichen eine Öffentlichkeit, die man zu einer Ausstellung nur selten findet.

Harm Heye Kaninski, Kunstlehrer, studierte bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel in den Klassen Barbara Hammann und Urs Lüthi, bevor er in das Studium Lehramt Gymnasium in den Fächern Kunst und Deutsch an die Universität Kassel wechselte und danach als Meisterschüler bei Urs Lüthi an der Kunsthochschule Kassel abschloss. Tätigkeit als freier Mitarbeiter der Museumslandschaft Hessen Kassel, Referendariat am Marion Dönhoff Gymnasium (Hansestadt Hamburg) und folgende Tätigkeit als Lehrer für Kunst und Deutsch. Zudem 2014-2017 Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit (i.V). am Marion Dönhoff Gymnasium.
kaninski_hbk [ et ] yahoo.de

Foto: John Hufnagel.



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