Martina Keller: Im direkten Kontakt stehen.

In welchem Kontext arbeitest Du als KunstvermittlerIn – und wie kamst Du dazu?

Vorrangig unterrichte ich an einem städtischen Gymnasium mit 15-19-jährigen Schüler_innen. Erfahrungen habe ich auch als freie Kunstvermittlerin am Kunstmuseum Bern, Thun und am Zentrum Paul Klee. An allen diesen Institutionen war ich bei der Entwicklung von verschiedenen Vermittlungsformaten für alle Altersstufen tätig. Die Entscheidung für diesen Beruf fiel noch während der eigenen gymnasialen Ausbildung und war mir dank dem Bestehen der Zutrittsprüfung zum damaligen „ZeichenlehrerInnenseminar“ in Bern und fachlicher Ausbildung an der museumspädagogischen Abteilung des Kunstmuseums Bern möglich.

Mit wem arbeitest Du zusammen?

Ich arbeite alleine oder aber mit Fachkolleginnen und -kollegen aus meiner Fachschaft am Gymnasium. Ein weiterer unmittelbarere Austausch entsteht mit Praktikantinnen der pädagogischen Hochschulen. Diese Fachpraktika sind dafür ausgelegt, eigenen Unterricht zu konzipieren und zu halten sowie den Unterricht anderer Lehrpersonen zu beobachten und zu reflektieren.
Zudem ist mein Alltag geprägt von der Arbeit mit den Schüler_innen, welchen ich oft alleine gegenüberstehe. Der fachliche Austausch findet also vor allem mit den Kolleginnen und Kollegen der eigenen Fachschaft statt – besonders im Zusammenhang mit dem Unterricht des Schwerpunktfaches Bildnerisches Gestalten. Dieses unterrichten wir an unserer Schule im Team.

Was verstehst Du unter Kunstvermittlung?

Unter Kunstvermittlung verstehe ich zum Einen, den Zugang zum eigenen gestalterischen Tun zu ermöglichen: Neugierde und Freude wecken, Offenheit üben, kritisch werden, Lösungen suchen und finden indem Entscheidungen bewusst getroffen werden, Wege gehen und Umwege ermöglichen…. Zum Anderen versuche ich dieses Tun in einen grösseren Kontext zu stellen, sei es durch Bezüge zu aktuellen oder vergangenen künstlerischen Positionen oder zu kulturellen Hintergründen. Sich gedanklich damit auseinanderzusetzen heisst auch, eine Sprache zu finden, um über Erlebtes und Gesehenes zu kommunizieren. Sehen und Nachdenken ermöglichen. Das eine kann auch ohne das andere geschehen.

In was für einem Verhältnis stehen Vermittlung und Kunst (für Dich) zueinander?

Eigentlich ist es ein ziemlich schwieriges Verhältnis – ich bin auch nicht unbedingt Freundin des Begriffs Kunstvermittlung, mir lieber ist der Begriff Vermittlung von Gestaltung und Kunst, oder von Architektur und Design. Zugänge zur Kunst zu ermöglichen ist ein Risiko – es kann schnell passieren, dass ich geprägt durch meinen Blick, meine Erfahrung oder meine Persönlichkeit etwas falsch oder unzureichend vermittle.

Warum (zeitgenössische) Kunst vermitteln?

Ich finde es für eine Gesellschaft wie die heutige eine Chance, jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, Grenzen in einer geschützten Umgebung auszuloten. Die Kunst bietet die Chance, verschiedene Haltungen (z. B. von Mitschüler_innen) zuzulassen, was vielleicht im Alltag im Zusammenhang mit ihren Themen nicht so einfach ist.

In welchem Verhältnis siehst Du die Praxis des Kuratierens und der Vermittlung?

Ich erlebe beide Tätigkeiten unterschiedlich, obwohl es durchaus Berührungspunkte gibt.
Das Kuratieren erlebte ich als Möglichkeit, verschiedenen Künstler_innen eine Präsentation zu ermöglichen, welche eine überraschende Gesamtheit ergab und die Werke in stimmiger Abfolge / Komposition optimal zur Geltung brachte. Die Rezipient_innen standen dabei für mich interessanterweise nicht im Vordergrund.

Warum ist Kunstvermittlung für ein Museum / eine Institution wichtig?

Das Museum hat ursprünglich die Aufgabe zu sammeln, zu ordnen und zu zeigen…. Die Vermittlung war sekundär. Mit dem gleichen Auftrag wird heute anders umgegangen: die Kunstvermittlung nimmt einen grösseren Platz ein. Um der Institution Museum die Mittel zu erhalten ist es wichtig, die Gesellschaft von deren kulturellen Wichtigkeit zu überzeugen und unterschiedliche Zugänge, die eine Kunstvermittlung bieten kann, zu ermöglichen.

Wo befinden sich die (institutionellen) Räume, in denen wir über unsere Kunst-Erfahrungen diskutieren können?

Ateliers, Kunsthallen, Galerien, Hochschulen, Museen, Schulen, Zuhause, Think Tanks, Weiterbildungsveranstaltungen, Foren …

Wann findest Du ist Kunstvermittlung gelungen? Wann findest Du Kunstvermittlung schwierig?

Ich finde die Vermittlung ist gelungen, wenn sich Rezipient_innen auch im Unsicheren, Unklaren souverän fühlen können. Vermittlung ist schwierig, wenn die Schüler_innen müde sind, wenn die Gruppen zu gross sind oder aber das Interesse gänzlich fehlt und ich nicht genügend Energie aufbringen kann. Schwierig bis unmöglich ist, etwas zu vermitteln, das mich nicht anspricht.

Gibt es eine spezielle Methode oder Strategie mit der Du aktuell arbeitest?

Im Moment arbeite ich daran, mit den Schülerinnen und Schülern in einen direkten Kontakt zu stehen. Es ist mir wichtig, präsent zu sein, mich auf die Schülerinnen und Schüler einlassen zu können, zuzuhören und sie wahrzunehmen. Ich möchte eher den jungen Menschen begegnen als dem Schüler/ der Schülerin in seiner Rolle. Dies fällt mir je nach Tagesform schwerer oder leichter. Wenn es mir gelingt eine Beziehung aufzubauen, was in unseren kleinen Zeitgefässen anspruchsvoll ist, wird der Austausch reichhaltiger.

Woran arbeitest Du gerade?

An der Jahresplanung des nächsten Unterrichtsjahres für 5 verschiedene Jahrgangsstufen und an der Reflexion des Projektes <kunst orientiert> aus dem Jahr 2017. Zudem beschäftige ich mich im Moment vertieft mit dem Aspekt schülerzentriertes Arbeiten im Zusammenhang mit Kunstgeschichtsunterricht.
Momentan erstelle ich einen Blog zu einem neuen Kurs zum Thema Malerei, der an unserer Schule angeboten wird.

Welche Bücher, Projekte etc. sind für Deine Arbeit wichtig – und warum?

Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Harari – weil ich es spannend finde, sich Gedanken zum Ursprung zu machen und einen grösseren Kontext zu haben. Das Projekt „Freche Fragen“ von Julia Jost, Kunsthalle Bern – weil ich dort ein wenig in eine Zuschauerrolle rutschen darf und doch meine Schülerinnen und Schüler in einer unglaublichen Transformation erleben darf. „Bildumgangsspiele: Kunst unterrichten“ von Klaus-Peter Busse –weil es mir hilft, auf einer Metaebene klarer zu denken. „Wie man sich die Welt erlebt“ Keri Smith – weil es so schön spielerisch, angstfrei und neugierig ist. “Form Bewusst Sein. Wine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge“ von Franz Berzbach.

Welche Frage würdest Du gerne einer/m KunstvermittlerIn stellen?

Was motiviert dich, dich für einen Bereich, der in der Gesellschaft eine eher zweitrangige Funktion hat einzusetzen? Wie gelingt es dir, gleichzeitig zu fördern und zu fordern? Wie gehst du mit dem Dilemma der Begleitung und der Beurteilung um (falls du im schulischen Kontext unterwegs bist)?

Wie stellst Du dir die Zukunft der Kunstvermittlung vor?

Ich hoffe, dass weiterhin der direkte Kontakt zwischen den Menschen beibehalten werden kann (wie z.B. in Museen, Galerien, Ateliers) und so ein direkter Austausch, vor den Originalen, mit den Verantwortlichen (Kurator_innen, Künstler_innen, …) möglich bleibt und nicht alles virtuell wird.

Martina Keller, *1967. Nach dem Abschluss der Maturität B studierte sie am Zeichenlehrerinnen- Seminar in Bern und an der Universität Bern, welches sie 1992 mit dem Diplom im Zentralfach Zeichnen und Museumspädagogik im Wahlfach abschloss. Seit 1993 arbeitet sie als frei Kunstvermittlerin in den Kunstmuseen Bern und Thun, sowie am Zentrum Paul Klee sowie als Lehrerin für Bildnerisches Gestalten am Gymnasium Kirchenfeld in Bern. In einem Weiterbildungsurlaub gewann sie 1996 dank einem Unterstützung des Swiss-American Exchangecouncils Einblick in die Vermittlungstätigkeit an Kunstmuseen in der USA. Im Jahr 2015 schloss sie das CAS Kulturmanagment an der Hochschule der Künste Luzern ab. Das dazugehörige Abschlussprojekt wurde mit der interdisziplinären Ausstellung „kunst orientiert“ im 2017 umgesetzt. Martina Keller ist Mutter von zwei erwachsenen Töchtern.
Kontakt: martina.keller@gymkirchenfeld.ch
Atelierblog 2019: https://atelierbg2018.wixsite.com/website
Kunst orientiert 2017: https://olv-hindelbank.ch/foto/kunst-orientiert/
From kids to pics: Atelierarbeit Interior Design: https://kids2pics.jimdo.com/

Interview: Gila Kolb, 10.08.2019
Foto: Gila Kolb, 2018



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